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Mittwoch 17.07.2024, 21:43 Uhr
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 „Der liebe Gott hat Dich mir geschenkt. Du gehörst mir.“

Begegnung und Gemeinschaft im KZ
mit dem Gründer Schönstatts

Auszüge aus: Hermann Gebert, Heinz Dresbach – Glaubensweg eines Schönstattpriesters, 1996

Der Lebensweg von Heinz Dresbach erhielt eine entscheidende Weichenstellung durch seine Begegnung mit Pater Kentenich. In vorsehungsgläubiger Betrachtung der Führung Gottes in seinem Leben kam ihm die Vermutung, daß es von Gottes Güte so gefügt war, daß er in Dachau Pater Kentenich begegnen und in einer großen Nähe zu ihm leben durfte. Heinz Dresbach berichtet, daß schon vor seiner Einlieferung ins KZ Dachau in seinem Herzen der Wunsch lebendig war nach einem längeren Zusammensein mit diesem begnadeten Priester. Dieser Wunsch bekam Nahrung in Ostpreußen, dem Heimatland Josef Englings. Immer mehr kam ihm zum Bewußtsein, was Josef Engling seinem Seelenführer verdankte. Aus solchen Überlegungen heraus - berichtet Heinz Dresbach - „schob sich mir nach und nach der Wunsch ins Herz: Wenn doch auch ich einmal Gelegenheit hätte, mit Herrn Pater längere Zeit zusammen sein zu können, um von ihm geformt zu werden, dann könnte aus mir auch noch mal ‚was Gescheites' werden. Dieser Wunsch sprach mich sehr an und weckte Sehnsucht in mir. Aber gleichzeitig erkannte ich auch die praktische Unmöglichkeit, daß mir dieser Wunsch erfüllt werden könne. Was in dieser Hinsicht konkret möglich war, konnte wohl nur Folgendes sein: Ich würde vom Osten her jährlich einmal in den Westen fahren, beim Herrn Pater Exerzitien mitmachen, bei dieser Gelegenheit bei ihm beichten und - wenn es hochkomme - einmal eine Viertelstunde über meine Angelegenheiten sprechen. (Ende Juli 1940 konnte Heinz Dresbach eine Woche lang bei Priesterexerzitien von Pater Kentenich in Schönstatt mit dabei sein.) Ein Mehr war nicht drin. Was ich nicht ahnen konnte, war die geheimnisvolle Realität im Herzen Gottes, wie sehr dieser unabweisbare Wunsch, der in mir aufgetaucht, in seine weisheitsvollen Pläne gleich einem winzigen Mosaiksteinchen in das große Ganze eingebettet war und zu einer der überraschenden Offenbarungen seiner Liebe in meinem Erdenleben werden sollte.“

Der große Wunsch begann sich zu erfüllen, als Pater Kentenich am 13.03.1942 als Häftling im KZ Dachau eintraf. Welcher Segen diese Begegnung und das dreijährige Zusammensein mit Pater Kentenich für Heinz Dresbach war, wurde ihm erst in den Jahren nach Dachau voll bewußt.

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Im Blick auf das, was mit dem 13.10.1942 [an dem Pater Kentenich auf Block 26 zu den deutschen Priestern verlegt wurde] begann, schrieb Heinz Dresbach später einmal: „Es ging für mich gleichsam ein erstes Dachau zu Ende, und es dämmerte allmählich ein zweites, neues unerahnbares Dachau herauf.“

Heinz Dresbach berichtet:

„Ich wohnte damals in Stube 3. Stube 1 war Kapelle, 2, 3 und 4 waren Wohn- und Schlafstuben. Anfangs hatte ich noch ganz wenig Kontakt mit ihm. Ich hatte eine gewisse Scheu, ihn viel in Anspruch zu nehmen, weil ich mir sagte: ‚So ein Mann, der so große Aufgaben hat, und der das bedeutet...' Ich hatte eine ungemein hohe Meinung von ihm, und die ist auch in keiner Weise eingeschränkt oder überhaupt enttäuscht worden, obwohl ich doch nachher Tag und Nacht mit ihm zusammen war. - Quotidiana vilescunt - man lernt die Menschen auf diese Weise auch von der anderen Seite kennen, wenn man sie bis dahin sehr hoch geschätzt hat. Aber ich habe die ganzen Jahre, wo ich mit ihm zusammen war, vergebens gesucht und mit Aufmerksamkeit aufgepaßt, irgend einen Fehler an ihm zu entdecken, es ist mir nicht gelungen. Allerdings, es gab manches an ihm, was mir unverständlich war. Manches blieb mir lange Zeit unverständlich, doch ich habe nie gewagt, ein Urteil zu fällen. Ich habe mir immer gesagt: ‚Das ist ein so großer Mann, den kannst du nicht beurteilen, der geht weit über deinen Horizont hinaus, du mußt halt zurückhaltend sein, abwarten, vielleicht daß dir im Laufe der Zeit das eine oder andere klarer wird.' Und so war es denn auch. Ich habe ihn gleich, nachdem er auf unseren Block gekommen war, als Beichtvater gewählt. Dadurch wurde der Kontakt auch etwas persönlicher oder vielmehr sogar sehr viel persönlicher. Das war im Oktober 1942.“

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Wie Heinz Dresbach [die Nähe Pater Kentenichs] persönlich erfahren hat, lassen wir ihn nun selber berichten. Dabei möge man beherzigen, was er bei der Niederschrift seiner Erfahrung kritisch anmerkt: „Der Leser versteht, daß es sich hier um meine ganz persönliche Auffassung handelt. Und ich erkläre, daß ich von niemandem erwarte, daß er sich diese meine Meinung zu eigen macht. Jeder muß ja sehen, wie er sich über etwas oder über jemanden ein Urteil zu bilden in den Stand gesetzt sieht.“

Heinz Dresbach erzählt:

„Ich weiß aus diesen ersten Tagen keine Einzelheiten mehr, aber schon bald bat ich Pater Kentenich, bei ihm beichten zu dürfen. . . . Nun aber mußte ich wohl nach Dachau kommen, um hier Pater Kentenich zum Beichtvater und Seelenführer zu bekommen. Wenn ich mir die damaligen Vorgänge - so gut das nach so langer Zeit möglich ist - zu rekonstruieren versuche, muß ich sagen, daß eine erste Annäherung an Herrn Pater nicht viel Zeit brauchte, denn nach gut drei Monaten, d.h. zu Beginn der Quarantäne war unsere Zusammengehörigkeit und das Hand in Hand Zusammenwirken schon geübt, wie das auch in der folgenden Zeit immer geblieben ist. Es war also wohl zuerst die Beichte die Gelegenheit, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Aber das war nur der äußere Vorgang. Was sich dabei innerlich ereignete, war das ganz Neue und zunächst nicht zu begreifen. Ich erlebte, daß mir da jemand zuhörte, wie mir wohl noch nie jemand in meinem Leben zugehört hatte. Hier beginnt schon die Schwierigkeit, das in Worte zu fassen, was nun begann. Er nahm meine Worte ganz in sich auf, als bedeuteten sie ihm viel. Er schien in diesen Momenten nichts anderes und Wichtigeres zu tun zu haben, als zu hören und das, was da gesagt wurde, in sich aufzunehmen. Dieses sein Zuhören hatte für mich etwas Beglückendes und Überraschendes an sich, das ich mir zunächst nicht zu deuten wußte. Dann aber seine Reaktionen auf das Gehörte und auf den, der zu ihm gesprochen hatte. Ich erlebte, daß ich tief verstanden und dabei angenommen wurde. Dieses Letztere wurde mir erst langsam bewußt. Es wurde zu einem erstmaligen Erlebnis, daß ich mich in dieser Weise und mit solcher Liebe angenommen erfuhr. Das wurde von Mal zu Mal deutlicher und lebendiger; bis es so etwas wie einen Höhepunkt erreichte, als Herr Pater zu mir sagte - dabei wußte ich nicht, was ich hörte: ‚Der liebe Gott hat Dich mir geschenkt. Du gehörst mir.' Welch ein Wort! Um das gesagt zu bekommen, dafür lohnte es sich, meinen ganzen bisherigen Lebensweg und auch Dachauweg gegangen zu sein mit allem, auch Schwerem, was darinnen steht.“

* * *

„Meine persönliche Lage war nunmehr ganz verändert, was mir allerdings erst allmählich zum Bewußtsein kam. Ich konnte alles, was da auf mich zugekommen war, nicht einordnen in bisherige Erkenntnisse und Erfahrungen, und so war ich irgendwie hilflos all dem Neuen gegenüber. Das hatte die Wirkung, daß ich einerseits mit niemandem darüber sprechen konnte, andererseits ich mir das auch selbst nicht gleich erklären konnte, so daß ich eine Zeit lang in den kurzen Freizeiten im Lager herum ging, niemanden sprechen wollte, und innerlich nur das eine Wort mit mir herumtrug, daß ich mir sagte: ‚Das ist der erste Mensch, der dir in deinem Leben begegnet.' Damit wollte ich mir selbst gegenüber zum Ausdruck bringen, daß mir in Herrn Pater zum erstenmal ein Mensch begegnete, der in diesem für mich unbegreiflichen Ausmaße ein ganz und gar natürlich echter Mensch war, wie ich nie vorher einen gekannt und erlebt hatte, und der gleichzeitig derartig übernatürlich eingestellt war, daß für ihn Gott und seine Welt realer waren als alles, was er mit den Sinnen in sich aufnehmen konnte. Das hat sich später immer mehr auf Schritt und Tritt bestätigt. Bei alledem brachte Herr Pater den Seinen ein so großes Vertrauen entgegen, das mir auch ganz neu war. Man erlebte sich dadurch so gewertet, daß dadurch auch das Verhältnis zum eigenen Selbst neu und versöhnter und bejahender wurde. Auf diese Weise wurde es einem immer leichter, ihm ein immer rückhaltloseres Vertrauen entgegenzubringen. So ergab es sich fast wie von selbst, daß ich ihm meinen ganzen Lebenslauf erzählte, und das ohne jede Mühe, ja vielmehr mit zunehmender Freude, weil er alles so liebend in sich aufnahm. Ich möchte fast sagen, es war eine Lust, sich ihm zu eröffnen. So konnte er helfen, vieles zu verarbeiten, was im Innern noch irgendwo herumlag. Es setzte jedenfalls ein inneres Wachsen ein, und ein Nachholen, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Bei alledem hatte ich in keiner Sekunde den Verdacht, daß Herr Pater nur Methoden anwende und mich bewußt pädagogisch bearbeiten wolle, sondern alles kam aus einer echten und tiefen liebenden Bejahung und Annahme. Alles an ihm war auch so schlicht und selbstvergessen, daß für ihn nur noch der andere zu existieren schien. Mit einem Wort: Es ging ihm nicht um den Erfolg seiner Mühen, es ging ihm um den Menschen und dessen eigentliche Interessen.

In jenen Wochen hatte ich ganz unbewußt angefangen, Herrn Pater tief in mich aufzunehmen und sein Leben und seine Art mit meinem Lebensgefüge eins werden zu lassen. Weil das so im Unterbewußten vor sich ging, deswegen handelte es sich um eine echte Lebensübertragung und Herzenseinigung. Weil diese Eindrücke bis in die Wurzeln der Person hinabdrangen, konnte ohne jede Planung von meiner Seite das Herz im Laufe der Zeit anfangen, ganz leise und ein bißchen vor sich selbst verschämt den Namen ‚Vater' zu sagen, was dann auch im Bewußtsein immer deutlicher wurde. Das zeigte sich mir auch darin, daß ich in Notizen von jener Zeit an für seine Person als Abkürzung nur ein ‚V' schrieb. Es dauerte jahrelang, bis mir zu Beginn der schweren Auseinandersetzungen der beginnenden fünfziger Jahre klar wurde: ‚Das Verhältnis, das du zum Vater gefunden hast, das muß eines Tages die gesamte Schönstattfamilie ähnlich erleben und finden.' Aber wie so etwas möglich sein sollte, das war mir noch ganz unerfindlich. Bis dann Gott seine Verbannung nach Milwaukee zulassen und alle Beteiligten ans Kreuz nageln mußte, um durch diese schwere Leidgemeinschaft zu einer entsprechenden Herzensgemeinschaft durchfinden zu lassen.

Es war dann in den Jahren nach Dachau und erst recht später den Theologen gegenüber weniger Plan als Ausdruck des Lebens, wenn ich nicht genug von Herrn Pater erzählen konnte. So kam im Laufe der Zeit zum Bewußtsein, warum der liebe Gott mich nach Dachau hat kommen lassen:

Ich sollte in dieser lieblosen, heimatlosen und vaterlosen Welt als einer, der vaterlos aufgewachsen war, im KZ einen Vater finden und ihm Sohn werden dürfen.

‚O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind seine Urteile und wie unergründlich seine Wege. Denn wer hat die Gedanken des Herrn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Wer hat IHM etwas gegeben, so daß GOTT ihm etwas zurückgeben müßte? Denn aus IHM durch IHN und auf IHN hin ist alles; IHM die Herrlichkeit in Ewigkeit.' (Röm 11)“

Bald nach seiner Entlassung und Heimkehr hat Heinz Dresbach ein Wort Pater Kentenichs notiert, das sehr schön die Beziehung zum Ausdruck bringt, die zwischen ihm und Pater Kentenich im KZ gewachsen ist. Es war am 31. Mai 1945. In Schönstatt war Lichterprozession zum Abschluß des Maimonats. Pater Kentenich, Pater Fischer und Kaplan Dresbach nahmen an der Prozession teil und gingen nebeneinander. Unauslöschlich prägte sich Heinz Dresbach ein, wie Pater Kentenich dabei zu ihm und Pater Fischer sagte: „Wir drei gehören zusammen!“

Die Biografie von Hermann Gebert
"Heinz Dresbach - Glaubensweg eines Schönstattpriesters"
können Sie auf dieser Homepage über folgenden Link erreichen und herunterladen:
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